Damit hatten die beiden Superstars Scarlett Johansson und Natalie Portman nicht gerechnet. Als sie am Freitagabend bei der Premiere ihres mit Spannung erwarteten Kinofilms "Die Schwester der Königin" graziös über den roten Teppich vor dem Berlinale-Palast schritten, waren sie plötzlich selbst nur noch Kulisse. Die Show stahlen ihnen "Glamgirl" und "Incrediboy", so genannte Superhelden, die mit viel Action die Großbildleinwand über den Köpfen von Johansson und Portman erklommen und ein Banner entrollten mit der Aufschrift: "Mir reicht's nicht, Statistin in meinem eigenen Leben zu sein“.
Es waren viele Dinge, die den beiden Superhelden nicht ausreichten: "Mir reicht's nicht, nur 5,50 Euro die Stunde zu verdienen. Mir reicht's nicht, dass es das schöne Leben immer nur in der Zukunft gibt". Was ihnen reicht: Dass ihnen nach jedem Filmprojekt der Absturz auf Hartz IV droht. Dabei warfen die Superhelden mit chinesischen Glückskeksen um sich. Statt konfuzianischen Sinnsprüchen befanden sich darin Zitate von Praktikanten der Berlinale: "Ich habe im Sommer gekellnert, um mir das Praktikum leisten zu können." (taz vom 18.2.2008)
Mit der Aktion der prekären Superhelden auf der Berlinale fand die Kampagne „Mir reicht’s ... nicht!“ ihren Höhepunkt und ihr vorläufiges Ende. Ausgangspunkt waren die Euromayday-Paraden in Hamburg und in Berlin, mit denen wir prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen sichtbar machen wollten. Von Anfang an haben wir diese Paraden dabei als Teil einer weitergehenden Organisierung begriffen. Um diesen Anspruch auch über den Ersten Mai hinaus gerecht zu werden, gründeten wir im Frühjahr 2007 die Kampagne „Mir reicht’s...nicht!“. Zugleich ging es uns darum, in die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen über die zunehmende soziale Unsicherheit einzugreifen. Nachdem das Thema Prekarisierung mit den Debatten über „Generation Praktikum“ und „abgehängtes Prekariat“ den gesellschaftlichen Mainstream erreicht hatte, wollten wir einen Schritt weiter gehen. Während in der öffentliche Diskussion das Trennende und die Passivität der Prekären im Mittelpunkt stand, wollten wir das Gemeinsame, die Konflikte und die Wünschen stark machen.
„Hallo Zoe, ich finde eure Aktion gut und notwendig. Ich bin derzeit Praktikant auf der Berlinale. Ich finde aber undifferenziert, dass ihr euch so auf die Berlinale einschießt. Ich habe bisher 10 Praktika gemacht: an vier Theatern, an einer Oper, in der Zeitung, am Goethe-Institut. Und überall wurde ich schlechter bezahlt (nämlich gar nicht) und hatte schlechtere Arbeitsbedingungen als jetzt auf der Berlinale. Im Goethe-Institut Istanbul musste ich sogar den Flug und die Unterkunft selbst zahlen und bekam nicht mal Hilfe dabei, eine Wohnung zu finden - und nirgendwo materiellen Zuschuss. Besten Gruß Rainer“ (Forumsbeitrag auf der Website www.mirreichts-nicht.org)
Am Anfang der Kampagne stand unsere Entscheidung für die documenta und die Berlinale. Im Laufe der Recherche hat sich herausgestellt, dass im Vergleich zu anderen Unternehmen und Institution die Arbeitsbedingungen nicht besonders schlecht waren. Es ist besser für ein Praktikum auf der Berlinale 400 Euro zu bekommen, als überhaupt nicht bezahlt zu werden. Aber kann man davon wirklich leben?
Doch zurück zu den Gründen für unsere Entscheidung in Kassel und Berlin zu intervenieren: Beide Events genießen große Aufmerksamkeit. Beide verstehen sich als gesellschaftskritische Orte. Unser Ziel war es die Aufmerksamkeit und das politische Selbstverständnis zu nutzen, um ein öffentliches Gespräch über prekäre Arbeitsverhältnisse zu ermöglichen. Jenseits des Scheinwerferlichts war für uns vor allem auch die spezifische Gestalt von Arbeitsverhältnissen in der Kulturproduktion von Bedeutung. In den Debatten um zukünftige Arbeitsverhältnisse werden vielfach die Künstlerin als role model propagiert. Gerade auch von Neoliberalen. Doch in welchem Verhältnis steht das Bild des selbstbestimmten und kreativen Künstlers zu den alltäglichen Arbeitsverhältnissen in der Kulturproduktion? Und was hat dieses Bild mit unseren eigenen Arbeitsbedingungen als prekäre Akademiker zu tun? Zugleich finden sich sowohl auf der documenta als auch auf der Berlinale auf engem Raum vielfältige Figuren prekärer Arbeit: Securitys, Praktikanten, Reinigungskräfte, Kunstvermittlerinnen mit befristeten Verträgen, selbstständige Filmschaffende, Praktikanten usw. Diese Fragmentierung und Hierarchisierung war unser Ausgangspunkt. Wir wollten jedoch nicht die ohnehin bestehende Zersplitterung verdoppeln, sondern eine andere Perspektive entwickeln. Ausgehend von den alltäglichen Konflikten wollten wir die Frage nach dem Gemeinsamen der Prekären stellen.
„Das Geld ist es nicht allein. Du arbeitest, du hast Ideen, du experimentierst rum, du machst es fertig und dann wird alles über den Haufen geworfen. Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht und dann habe einige beschlossen, zusammen einen Tag vom Aufbau weg zu bleiben. Statt mehr Geld gibt es nun freies Catering, übrigens auch für die Verwaltung.“ (Beschäftigte im Aufbau der documenta)
"Ich hab mich krank gemeldet. Ich hab jetzt halt so rebelliert, dass ich mich einfach dem entzogen hab. Ich bin niemand, der das so klar artikuliert. Ich such da mein Hintertürchen." (Praktikantin auf der documenta)
In zahlreichen Gesprächen, die wir mit prekär Beschäftigten auf der documenta und auf der Berlinale geführt haben sind wir auf verschiedene Konflikte gestoßen - viele individuelle und auch ein paar kollektive. So auch bei denen, die im Aufbau der documenta beschäftigt waren. Da ihre Arbeit und ihr Engagement von der künstlerischen Leitung kaum honoriert wurde, erschienen sie an einem Morgen nicht zur Arbeit. Ihrem Unmut über die fehlende Anerkennung verliehen sie mit der Forderung nach einer Lohnerhöhung Ausdruck. Dennoch bleibt festzuhalten: Ausgangspunkt des Konflikts war nicht die Bezahlung. Es ging darum, dass die documenta ihr Versprechen von selbstbestimmter und kreativer Arbeit nur unvollständig einlöste. In geordneteren und konventionelleren Bahnen verlief hingegen die Auseinanahndersetzung im CinmeaxX-Kino am Potsdamerplatz, die im Vorfeld des Festivals stattfand. Im Dezember 2007 streikten die Beschäftigten dieses auch von dem Filmfestival bespielten Kinos. Nach jahrelanger Auseinandersetzung mit CinemaxX schloss Verdi schließlich einen Tarifvertrag ab, der eine minimale Lohnerhöhung festschrieb. Auf den ersten Blick scheint das Gemeinsame zwischen der anspruchsvollen Arbeit im Aufbau der documenta und der Arbeit an den Kinokassen zu überwiegen. Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass sich hinter der gleichen Forderung sehr unterschiedliche Motivationen verbergen.
Während kollektive Auseinandersetzungen die Ausnahme blieben, waren individuelle Konflikte allgegenwärtig. Dies gilt vor allem auch für den Widerspruch zwischen dem Versprechen, sich in der eigenen Arbeit verwirklichen zu können, und dem vielfach durch Arbeitsdruck und ökonomische Zwänge geprägten Alltag. Im Unterschied zu den im Aufbau Beschäftigten blieb es bei den meisten anderen Kulturproduzentinnen jedoch bei individueller Unzufriedenheit. Zugleich beruhen die documenta und die Berlinale in hohem Maße auf unbezahlter oder nur geringfügig bezahlter Arbeit. Die Kunstvermittlerinnen reisten bereits einen Monat vor Beginn der documenta an, um sich in die Ausstellung einzuarbeiten. Diese Zeit wurde nicht bezahlt. Auch auf der Berlinale waren viele als Praktikanten angestellt und entsprechend bezahlt. Selbstbestimmte, interessante Arbeit scheint es vielfach nur im Tausch gegen Prekarität zu geben. Darüber hinaus waren viele Arbeitsverhältnisse dadurch geprägt, dass sich die Grenze zwischen Arbeit und Leben fortwährend auflöst. Essen zu gehen, bedeutete vielfach Arbeit – einer Arbeit die gleichzeitig Züge von Freizeit annimmt. Bei Praktikantinnen auf der documenta galt es als vorteilhaft, wenn sie aus anderen Städten kamen und keine persönlichen Beziehungen vor Ort hatten. Die Arbeit verschluckt das Leben.
Bei den Interviews und Gesprächen, die wir geführt haben, ging es uns nicht darum einen analytischen Text über Konflikte in der Prekarität zu produzieren. Uns ging es um konkrete Konflikte, die Ausgangspunkt für konkrete gesellschaftliche Veränderungen sein können. Uns ging es um das, was alle Prekären miteinander verbinden könnte. Mit diesem Anspruch sind wir in den Gesprächen an Grenzen gestoßen. Unterhalb der abstrakten Gemeinsamkeiten haben sich Unterschiede gezeigt, die im Alltäglichen unüberbrückbar scheinen. Die Ratlosigkeit über eine gemeinsame Perspektive war häufig genauso groß wie die Unzufriedenheit. In den Gesprächen und Diskussionen ist es uns nicht gelungen ausgehend von der individuellen Unzufriedenheit (die auch vielfach die unsere ist) eine gemeinsame Perspektive und gemeinsame Forderungen zu entwickeln. Zugleich scheinen nahe liegende Forderungen, wie die nach einem bedingungslosen Grundeinkommen, so abstrakt zu sein, dass sie für den Schritt von der individuellen Unzufriedenheit zur kollektiven Auseinandersetzung kaum eine Bedeutung haben.
„Ich möchte wissen, wie viel Eintritt die Galagäste gezahlt haben, ich kriege hier nämlich nichts für meine Kulturarbeit. Überhaupt kann ich mit dieser Litanei der „Selbstausbeutung von Künstlern“ nichts anfangen. Ich mach‘ genau dasselbe, was ich schon gemacht habe, als ich noch arbeitslos war.“ (Surfpoet Robert Weber)
„Schade war lediglich, dass die Kampagne an diesem Abend kaum eigene politische Forderungen oder Strategien zur Diskussion stellte. So blieb unklar, wie die unterschiedlichen und sich teils widersprechenden Selbsteinschätzungen der Beschäftigten zusammengebracht und zu einer politischen Praxis entwickelt werden könnten.“ (Berliner Zeitung vom 11.2.2008)
Zeitgleich mit der Berlinale fand im Roten Salon der Volksbühne eine „Gala der Prekären Perspektiven“ statt. In einer szenischen Lesung trugen Schauspielerinnen Zitate aus den auf der documenta und der Berlinale geführten Interviews vor. Ein Video von AK Kraak dokumentierte die Arbeitsbedingungen auf der Berlinale. connex.av stellte die Kampagne „5statt12“ vor, die die soziale Absicherung von Filmschaffenden verbessern soll. Zugleich wurde über die Kämpfe der Intermittants, der französischen Kulturprekären, berichtet. Der Surfpoet Robert Weber las einen Text über einen Tag im Leben eines Schriftstellers.
Interessant war die Gala vor allem dann, wenn sich die Widersprüche offen zeigten. So auch bei dem Auftritt des Surfpoeten. Kaum hatte er die Bühne betreten formulierte er eine grundlegende Kritik an der Konzeption des Abends. Er wies die Skandalisierung prekärer Arbeitsverhältnisse zurück und machte deutlich, dass er sich für die mit dem Leben als Schriftsteller verbundene Unsicherheit bewusst entschieden habe. Gerade der Einwurf des Surfpoeten wirft Fragen auf: Für wen sprechen wir eigentlich, und für wen nicht? Wer würde sich überhaupt in unseren Forderungen (außer uns selbst) wieder finden? Würde eine festgefügte politische Agenda zum jetzigen Zeitpunkt nicht den Dialog mit anderen Prekären verhindern, der Voraussetzung für wirkliche Handlungsfähigkeit wäre?
„Scarlett und Nathalie ließen sich von dem spektakulären Auftritt nicht aus der Ruhe bringen. Sie gaben weiter Autogramme ... “ (taz vom 18.2.2008)
Was gegen Ende des taz-Artikels bereits anklang, zeigte sich in den anderen Zeitungen mit voller Deutlichkeit. Jenseits der taz wurde von dem Auftritt keine Notiz genommen. Wenn man wollte konnte man die prekären Superhelden (genauso wie die gesamte Kampagne) leicht übersehen. Dennoch bleiben die von uns formulierten Fragen weiterhin aktuell: Was ist das Gemeinsame der Prekären? Wie können wir die Grenzen des politischen Aktivismus überwinden? Wie kommen wir von der individuellen Unzufriedenheit zur kollektiven Auseinandersetzung? Auf den diesjährigen Euromayday-Paraden in Hamburg und Berlin geht die Suche weiter.
(Dieser Artikel erscheint in Kürze in analyse&kritik.)