Mit einer Veranstaltungswoche auf der documenta in Kassel ist die Kampagne "Mir reicht's... nicht!" an die Öffentlichkeit getreten. Im Mittelpunkt steht dabei das Öffentliche Redigieren. Ausgehend von Interviews mit Aufsichten, Praktikantinnen, Putzfrauen, Künstlern und Assistentinnen haben wir damit begonnen, öffentlich und gemeinsam mit allen Interessierten an verschiedenen Orten in Kassel und mit verschieden Gästen einen Text zu verfassen. Ausgangspunkt ist dabei eine Auswahl von Zitaten in denen Aspekte der Prekarität angesprochen werden, die wir für wichtig halten. Die Themen reichen von Versprechen und Erschöpfung über Zeit, Geld und Leben bis hin zu Konflikt und Strategie. Dabei steht auch die Form des Textes zur Diskussion. Soll es ein analytischer Text werden? Oder doch ein offener Brief an den Geschäftsführer der documenta? Welche Ziele sollen im Rahmen der Kampagne mit diesem Text verfolgt werden?
Beschäftigte der documenta, Erwerbslose und politische Aktivisten sind bei den ersten beiden der insgesamt fünf öffentlichen Bearbeitungstermine miteinander ins Gespräch gekommen. Subjektive Erfahrungen und Strategien, die sonst häufig auf politischen Veranstaltungen keinen Raum haben, sind ausgetauscht worden. Zugleich wurde die Kampagne, die wir selbst als Kampagne in Gründung verstehen, mehrfach als zu diffus und uneindeutig empfunden. Vor allem an diesem Punkt zeigt sich, dass diese Offenheit Schwäche und mögliche Stärke zugleich ist. Wir haben uns bewusst für diese Offenheit entschieden, um nicht die Rolle von Experten einzunehmen und so ein Gespräch über unterschiedliche subjektive Erfahrungen von vornherein zu verhindern. Dennoch ist es uns in einigen Situationen nicht gelungen, das von den eigenen Erfahrungen losgelöste Sprechen über Prekarität hinter uns zu lassen. Unsere ersten Erfahrungen mit dem Format des öffentlichen Redigierens sind ambivalent. Die Veranstaltungen in den nächsten Tagen werden zeigen, ob es uns gelingen wird, weitere Schritte in Richtung auf ein neues Sprechen und vor allem ein neues Handeln in der Prekarität zu gehen.