Kurz vor zwölf in Kassel angekommen. Großer Hunger, wir gehen frühstücken, gegenüber dem "Schlachthof" und lassen uns updaten. Neugier! Wie ist es bis jetzt gelaufen? Es gab nämlich schon zwei offene Redigier-Veranstaltungen. Die erste hören wir, sei gut gelaufen. Rund dreißig Leute erzählten von ihren Erfahrungen mit der Prekarität. Sie diskutierten auf "Augenhöhe" über die Interview-Text-Samples unter den Überschriften "Versprechen", "Geld" und "Erschöpfung". Der zweite Tag soll ein "Fiasko" gewesen sein, behaupten einige Kampagnen-MitstreiterInnen. Die Diskussion über die Zitat-Abschnitte "Zeit" und "Leben" gestaltete sich etwas schwierig. Die Kategorie "Leben" wurde von kpd zurückgewiesen. Da die Zitate eher ein "entgrentzendes Arbeiten" beschreiben würden als ein erwünschtes "Leben". Auch einigen BesucherInnen sei das Reden zu abstrakt gewesen. Sie hätten Schwierigkeiten zu folgen.
Ich erachte diese Äußerungen als spannend, weil diese das Verhältnis von Analyse und konkreten Erfahrungen thematisieren, welches ich nur in dieser Verwebung wertvoll finde. Denn persönliche Erfahrungen sind unabdingbar, dennoch sprechen sie nicht für sich; die Arbeit fängt an, beim Versuch, analytische Konfliktlinien oder Wunschproduktionen zu erarbeiten. Außerdem fällt mir zum Punkt 'Zeit' ein, wie ich und ein Mitstreiter Ende letzten Jahres beim euromayday-workshop in Hüll, 'Zeit' zu thematisieren versuchten. Selbst die Leute vom Euromayday-Kreis wollten damals nicht viel mit diesem Stichwort anfangen. Wir mühten uns ab, nach dem Motto: Das ist doch ein Konflikt, denkt doch mal wie wir leben! Damals war ich traurig und sauer, weil das nicht ankam. Nun taucht Zeit als Interview-Kategorie auf. War damals die Thematisierung der Zeit "zu abstakt"? Vielleicht, dennoch nervt mich die übliche "Intellektuellen-feindliche" Haltung. Denn diese macht es unmöglich, über die Frage der Vermittlung nachzudenken. [EP]