400 Euro statt gar nichts: 400 Euro im Monat sind nicht gerade existenzsichernd. Da muss man schon im Sommer jobben, um im Winter bei der Berlinale arbeiten zu können. Oder Geld von den Eltern bekommen. Dennoch sind die Praktika bei der Berlinale beliebt. Die Arbeit ist interessant und anspruchsvoll und vielleicht auch ein bisschen glamourös. Und zumindest nicht vollkommen unbezahlt. Mit 400 Euro im Monat liegt die Berlinale im guten Mittelfeld. Trotzdem stellt sich die Frage: Ist Armut der Preis für Glamour?
10,80 Euro statt 6,50 Euro: Während der Berlinale werden die Löhne von Kassiererinnen und Kartenabreißern deutlich erhöht. Den Rest des Jahres bezahlt Cinemaxx unter Tarif. Vor mehreren Jahren ist Cinnemaxx aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten und hat die Löhne deutlich gesenkt. Seit kurzem verhandelt verdi wieder mit der Cinemaxx-Geschäftsführung. Am Potsdamer-Platz wurde bereits gestreikt. Uns drängt sich der Eindruck auf: Die Berlinale glänzt vor allem deshalb, weil die Arbeitsbedingungen im Rest der Branche so mies sind.
5 statt 12: Auch für die Filmbranche stellen die Hartz-Gesetze eine Verschlechterung dar. Nur wer in zwei Jahren zwölf Monat Beiträge zahlt, hat Anrecht auf Arbeitslosengeld I. Allen anderen droht zwischen den Filmprojekten der Absturz auf Hartz IV. Gegen diese Situation richtet sich die Kampagne „5 statt 12“, die unter anderem vom BundesFilmVerband in verdi initiert wurde. Für Filmschaffende soll die Zahl der notwendigen Beitragsmonate auf fünf reduziert werden. Das hört sich gut an, aber stehen Projektarbeiterinnen in anderen Branchen nicht vor dem gleichen Problem?
Die Eindrücke sind vielfältig, die wir in den Gesprächen der letzten Monate gewonnen haben. Jetzt wollen wir einen Schritt weiter gehen: Es gilt, prekäre Arbeitsbedingungen in der Filmbranche und darüber hinaus zu einem gesellschaftlichen Anliegen zu machen. Am besten auf dem roten Teppich der Berlinale.
Mir reicht's ... nicht!, beim Amt um meinen Unterhalt zu betteln.
Mir reicht's ... nicht!, immer nur Fragen nach Geld, Papieren, Jobs und sauberen Akzent zu stellen.
Mir reicht's ... nicht! beim Satz "ich habe keine Zeit!" stecken zu bleiben.
Mir reicht's ... nicht!, mich ständig auf der Prekär-Skala einordnen zu müssen, wer ist abgebrannter als ich, wessen Laptop ist neuer, damit ich sprechen darf.
Mir reicht's ... nicht!, die Heteronummer ständig zu reformieren.
Mir reicht's ... nicht!, dass Experten über mich wahlweise als abgehängtes Prekariat, Generation Praktikum, Parallelgesellschaft, digitale Bohème oder Sicherheitsrisiko diskutieren.
Mir reicht's ... nicht!, Erschöfung permanent mit Krankheiten und Lebenskrisen auszukurieren.
Mir reicht's ... nicht!, mit meinen Freundinnen über meine Sorgen mit meinem Job, meinem Freund und meinen Kindern zu reden, weil ich sie auf Demonstrationen und in Flugblättern nicht wiedererkenne.
Mir reicht's ... nicht!, dass alle wissen, dass sie prekär sind und sich trotzdem nichts ändert!
Die Kampagne "Mir reicht's ... nicht!" ist eine Einladung des Euromayday in Hamburg. Sie ist eine Kampagne in Gründung. Für diese Gründung sucht sie Orte und Gesellschaften auf, die Aufmerksamkeit anziehen und auf denen ihre Anliegen verhandelt oder eben weil sie nicht verhandelt werden. Sie mischt sich ein, um über ihre Anliegen selbst Auskunft zu geben und Auskunft zu bekommen.
Der Auftrag an die Kampagne ist deutlich: Die Vielzahl der Facetten prekären Lebens zu einem gesellschaftlichen Anliegen machen, in dem wir als die HauptdarstellerInnen und nicht als die Opfer unseres Lebens vorkommen.
Wir wollen vor und hinter den Kulissen die Bühne nutzen für Gespräche und Versammlungen, bei denen wir über die Lust und Zumutungen unseres Alltags sprechen. Die mehr oder weniger privaten Äußerungen, die auf den politischen Tagesordnungen keinen Platz haben. Es geht darum erstmal zu hören, was die eine und der andere zu sagen hat, was die eine und der andere wollen oder bereits tun, um ein politisches Projekt der Gemeinsamkeiten in der Prekarität möglich zu machen.
Die Documenta ist ein diskursmächtiges Labor, in dem sich eine Vielzahl klassischer Arbeitsverhältnisse und zeitgenössischer prekärer Produktionsweisen die Hand geben. Sie ist sowohl ein Ort der Bildung und Abbildung zeitgenössischer Kulturproduktion als auch der Prekarität.
"Das Geld ist es nicht allein. Du arbeitest, du hast Ideen, du experimentierst rum, du machst es fertig und dann wird alles weggewischt. Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht und dann haben einige beschlossen, zusammen einen Tag vom Aufbau weg zu bleiben. Statt mehr Geld gibt es nun freies Catering, übrigens auch für die Verwaltung. Und jetzt? Alle wieder am Start, aber es war ein gutes Gefühl, das getan zu haben."
Wir wollen die letzten zwei Wochen im Juni zur Recherche vor Ort sein mit einer Anlaufstelle, die zugleich als Büro, Versammlungsort und Veranstaltungsraum genutzt werden kann. Im Mittelpunkt stehen Gespräche mit Beschäftigten, KulturproduzentInnen und BesucherInnen. Ende Juli ist eine Woche Labor geplant. Anvisiert ist eine europäische Euromayday - Versammlung. Zum Abschluss im September suchen wir dann den Absprung nach Leipzig.
In Leipzig stehen auf dem Ver.di Bundeskongress für uns Fragen von Kollaboration zwischen gewerkschaftlicher Orientierung und sozialen Netzwerken in der Prekarität im Mittelpunkt. Wir knüpfen an den Besuch der Gesellschaft für Legalisierung beim letzten Kongress an. Entprekarisierung ist aktuell ein Stichwort. Ein anderes ist Grundeinkommen. Offen bleibt, wohin das führen soll. Welche solidarischen Akte sind mit wem vorstellbar? Dabei geht es uns nicht um die Bestätigung dessen, was wir immer schon gewusst haben, sondern um die Entdeckung und Durchquerung der veränderten und erweiterten Kampfzonen.
Und unser Traum: Der rote Teppich der Berlinale 2008. Eins der großen Festivals, das die Träume und Leidenschaften der Faszination Kino ausbeutet, mit Heerscharen von PraktikantInnen operiert und Hollywood für Arme spielt. Unser Auftritt könnte lauten "prekär, prekär, Multimillionär": Was verspreche ich mir von der Selbstorganisierung der Generationen prekär?
Hilft mir das weiter bei Job- oder Wohnungssuche, bei Lohn- oder Honorarverhandlungen? Eröffnet sie mir neue Kontakte, Freiräume oder Freundeskreise? Können politische Kommunikationsformate wie das TingelTangel, die Kritik der offenen Briefe und die Versammlungen der Freundeskreise die Erwartungen und Wünsche der Generationen prekär sichtbar und laut werden lassen?
Unser Interesse ist ein neues Ensemble mit betörenden Sounds, um sich durch unsere gefährlichen Lebenslagen zu bewegen. Ein Parkour Prekär, um Ziele zu erreichen unter Umgehung sämtlicher Hindernisse.
Documenta XII
Kassel 16.06.-23.09.2007
Ver.di Bundeskongress
Leipzig 30.09.-06.10.2007
Berlinale 2008
Berlin 07.02.-16.02.08