Zuerst also die Veranstaltung im Schlachthof. Das ist ein soziokulturelles Zentrum, das seit den 70er Jahren besteht. Am Eingang hängt ein Plakat von der 'Mir reichts... nicht!'-Kampagne. Der Raum wirkt auf mich wie ein typisches Mehrzweck-Kneipen-Hinterzimmer – Bühne an der Seite, graue Holztäfelungen am unteren Teil der Wand, einzelne Stühle, die flexibel angeordnet werden können. Dahinter eine Kneipentheke, wo's auch was zu essen gibt.
Für heute Abend ist der Raum ein Arbeits-, Ausstellungs-, Diskussions- und Zusammensitzraum mit interaktiver Medienbegleitung.
Fünf kleine runde Tischchen sind im Bistro-Stil über den Raum verteilt, Stühle werden je nach Bedarf zurecht gerückt. Am unteren Teil einer Wand sind Ausdrucke von den Fotoshootings der Superhelden (1), (2), (3) angebracht, darüber grüne A3-Ausdrucke mit Interview-Zitaten. Die Stirnwand dient als Projektionsfläche. Gegenüber ein Tisch mit Kamera, Aufnahmegerät, Beamer und Laptop, an dem ein paar Leute von Euromayday sitzen, die sich während der Veranstaltung dabei abwechseln, die gebeamten Interview-Zitate, die auch als Ausdrucke verteilt werden, zu erweitern und sich um die Dokumentation kümmern. Rechts die dunkle Bühne, von der sich die Plakate früherer Euromayday-Paraden abheben. Links eine große Tafel, auf der Ausdrucke von ausführlicheren Interview-Ausschnitten angehängt sind. Der Raum in der Mitte bleibt leer.
Ich gehe in den Garten, eine rauchen, und auch dort sitzen Leute über diesen Ausdrucken. Ich denke darüber nach, wie alles hier auf die Prozesshaftigkeit dieses Projekts und auf frühere Stadien verweist. Bei der Einführung und auch in kurzen Gesprächen nach der Veranstaltung wird immer wieder betont, dass diese Veranstaltungen und eigentlich das ganze Projekt ein Experiment ist, mit offenem Ausgang. Eine Momentaufnahme sozusagen, in der vieles von dem, was im Rahmen des Euromayday Netzwerks in den letzten Jahren gelaufen ist, angetippt wird: Die Mobilisierungsplakate aus drei Jahren, die Schnappschüsse von den Superhelden, die auf die überraschend bekannt gewordene Aktion im Frischeparadies im April 2006 und indirekt auf den Amtsgericht-Prozess zu dieser Aktion verweisen, die experimentelle Form verschiedener Schritte des Sichtbarmachens, die Arbeit während der Documenta-Phase des Projekts. Das Bemühen darum, sprachliche und/oder visuelle Bilder für prekäre Leben zu finden. Auch die Findigkeit beim Improvisieren – die Superhelden-Fotos etwa werden einfach in Klarsichthüllen präsentiert. Die Fähigkeit, in kurzer Zeit einen Raum so zu gestalten, dass er temporär „zum Eigenen“ wird. Der selbstverständliche Umgang mit Beamer, Aufnahmegerät und Kamera.
Der leere Raum in der Mitte fasziniert mich. Später wird mir jemand erzählen, dass einige der vorangegangenen Sitzungen stark auf die eingeladenen Gäste fokussiert gewesen seien, was nicht ganz dem ursprünglichen Konzept des kollektiven öffentlichen Redigierens entsprochen habe. Diesmal hätten sie versucht, es anders zu machen.
Zitatauswahl
Tatsächlich beteiligen sich viele der anwesenden Interview-PartnerInnen, der auf der Documenta Beschäftigten, der Leute vom Euromayday-Netzwerk und derer, die wie ich auf anderen Wegen dazugestoßen waren, an der Diskussion. Der Beitrag des eingeladenen Gasts vom Magazin 'Malmö' fügte sich in die Diskussion ein. Von den sieben Kategorien der Interview-Zitate wurden zwei ausgewählt – 'Konflikt' und 'Versprechen'.
Versprechen – was man sich als Mitarbeiterin vom Documentajob verspricht, was einem versprochen wird, und welche Aspekte der Arbeit in Konflikt mit dem geraten, was man will.
Networking scheint, den Zitaten zufolge, eine wichtige Rolle zu spielen, auch der Eintrag des Documenta-Jobs auf dem Lebenslauf. Sich unverzichtbar machen, aber gleichzeitig ersetzbar zu sein. Es scheint ein großes Bedürfnis nach Austausch über diese Arbeit zu geben, gleichzeitig will man aber nicht anecken. Das mitgebrachte Arbeitsethos – der Wunsch, Dinge „richtig“ zu machen, gerät in Konflikt mit dem als zu hoch empfundenen Arbeitspensum, das dazu führt dass zu viele Dinge nur teilweise erledigt werden können. Ein permanenter Zeitmangel. Der improvisierte Flow dieser Arbeitsweise kann motivierend, dynamisch sein, aber er funktioniert nur deshalb, weil alle unter dem Druck stehen, alles mitzukriegen und immer sofort Zeit zu haben. Es gibt auch die Angst, den Anschluss zu verlieren.
An der Zitat-Auswahl fiel mir auf, dass die Begeisterung fehlte, oder für mich als Leserin nicht ins Gewicht fiel. Ich dachte zwar immer wieder - ja, ja, ja, so ist es, aber die Betonung von 'Konflikt', 'Erschöpfung' etc. ging irgendwie auf Kosten dessen, was ja als Motor in vielen prekären Jobs auch da ist, eben diese Selbstmobilisierung.
Die Zeitschrift Malmö hatte sich anfangs am Magazinprojekt der Documenta beteiligt, und gleichzeitig eine Kritik daran veröffentlicht. Es ging um die Frage, warum Malmö diese Kritik nicht innerhalb des Projektes, während der Documenta, geäußert habe, oder - weiter gefasst - wie man einen von einer Person oder Gruppe wahrgenommenen Konflikt öffentlich und damit politisch machen könne.
Ich hätte gerne näher an den Interviewzitaten diskutiert, versuchte auch, mir einen Redebeitrag auszudenken, der dorthin zurückführte. Ich merkte aber auch, dass die Zitate mich irgendwie in eine Sackgasse führten. Ich fühlte mich wie in einem Laufrad, beim Lesen: ich komme nicht von der Stelle, die Aussagen, die potentiellen Konflikte bleiben immer im Individuum, im Einzelnen, der sie mit sich selbst aushandeln muss. Ich hätte viele Aussagen bestätigen, mit eigenen Erfahrungen anreichern können. Aber alles, was mir einfiel, blieb bei Situationsbeschreibungen. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich ein ganzes Interview gelesen hätte. Genau das scheint die Aufgabe zu sein, die ansteht: über die Situationsbeschreibungen hinauskommen, Perspektiven für ein Handeln entwickeln, das diese Arbeits- und Lebenssituationen nicht nur öffentlich macht, sondern auch verändert. Die Kluft zwischen individueller Erfahrung und politischer Diskussion blieb für mich während der Veranstaltung bestehen.
Diskussion mit Intermittents aus Paris (Documenta-Halle)
Als ich für diese Veranstaltung in die Documentahalle komme, kann ich sie erstmal nicht finden. Die junge Frau, die den Eingang zur Ausstellung kontrolliert, weiß von nichts. Aber im Pressezentrum wissen sie, dass etwas in einem der Nebenräume stattfindet. Im lichtdurchfluteten oberen Stockwerk ist eine offene, flexible Kunst- und Sitzelement-Landschaft aufgebaut. Dort findet gerade eine Diskussionsveranstaltung statt, irgendwie muss ich durch die Sitzreihen durch, um zu der geschlossenen Eingangstür des Nebenrams zu kommen. Ich gehe durch, und komme in einen großen, weißen Raum. Das Licht ist künstlich, Wände und Tische weiß. Ein paar Leute sind dabei, die Euromayday-Plakate, die grünen Zitatplakate, die Superheldenausdrucke, die Zitatausdrucke aufzuhängen. Trotzdem bleibt der Raum unpersönlich. Später wird verdunkelt, damit man das Dokument mit den Zitaten und die während der Veranstaltung eingetragenen Veränderungen sehen kann.
Über den ganzen Nachmittag kamen immer wieder Dokumentabesucher in den Raum, schauten sich neugierig um, lasen sich das eine oder andere Papier durch, setzten sich auch mal hin, blieben aber nicht lange. Die Veranstaltung war für Neuankömmlinge bestimmt schwer einzuordnen - 'Kunst' gab es schon, jedenfalls Dinge an der Wand, dazu ein loser Kreis von hochkonzentrierten Menschen, die miteinander in mehreren Sprachen reden, kein Veranstaltungsleiter ist erkenntlich...
Ich frage mich, wie die Veranstaltung gelaufen wäre, wenn sie in der „Sitzelementlandschaft“ stattgefunden hätte.
Im Ganzen habe ich die Veranstaltung als lang und mühselig in Erinnerung. Es war, würde ich sagen, ein Experiment, das mit einer Menge hinderlicher Umstände zu kämpfen hatte. Erstens war draußen wunderbares Wetter und wir saßen zweitens in einem abgedunkelten Documentaraum ohne richtige Fenster. Es war heiß und stickig. Drittens wurde die Diskussion in deutscher und französischer Sprache geführt, und die einzige Übersetzerin musste fünf Stunden lang hochkonzentriert am Ball bleiben.
Dazu kam eine Dynamik, in der die Intermittents quasi als Experten oder Bewegungsberater angesprochen wurden und sich den Schuh auch gerne anzogen - ihr müsst... , ihr solltet..., was würdet Ihr uns raten?, Wir haben damals etc. Die Zitatauswahl rückte bald in den Hintergrund.
Vielleicht war es aber auch so gedacht.