Am 1. Mai 2005 schlossen sich mehrere tausend Menschen in Hamburg der EuroMayday-Parade an, um für wenige Stunden die Unsichtbarkeit von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen sichtbar zu machen. Fast zwei Jahre später sieht der gesellschaftliche Diskurs um Prekarisierung ganz anders aus: Spätestens seit der Studie "Gesellschaft im Reformprozess", die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, wird Prekarisierung auch in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. "Generation Praktikum" und "abgehängtes Prekariat" sind in aller Munde.
Die exklusive Debatte der ExpertInnen verdoppelt jedoch das Schweigen der Prekären. Anstatt neue Perspektiven zu entwickeln und Verbindungen zwischen Praktikanten und Erwerbslosen, von Freelancerinnen und Putzfrauen zur Sprache zu bringen, werden bestehende Fragmentierungen wiederholt. Zugleich verschwinden hinter dem Bild der passiven und fürsorgebedürftigen Unterschicht alltägliche Widerstände und Konflikte. Die Begriffe ändern sich, die Ignoranz bleibt. An diesem Punkt setzt die Kampagne "Mir reicht's - nicht!" an. Die Kampagne hat drei Stationen im Auge: die Ausstellung documenta XII, die von Juni bis September in Kassel stattfindet, den Ver.di-Bundeskongress, Anfang Oktober in Leipzig, und die Berlinale im Februar 2008.
Die documenta ist ein diskursmächtiger Ort, an dem sich eine Vielzahl klassischer und zeitgenössischer prekärer Produktionsweisen und Arbeitsverhältnisse die Hand geben.
Auf dem Ver.di-Bundeskongress stehen Fragen von gewerkschaftlicher Orientierung und sozialen Netzwerken in der Prekarität im Mittelpunkt.
Und unser Traum: Der rote Teppich der Berlinale 2008. Schließlich ist die Berlinale eins der großen Festivals, das die Träume und Leidenschaften der Faszination Kino ausbeutet, mit Heerscharen von PraktikantInnen operiert und Hollywood für Arme spielt.
Bei allen Stationen werden wir auf künstlerische, theoretische, aktivistische und gewerkschaftliche Werkzeuge zurückgreifen. Organizing, Irritation, Institutionskritik, Kartographie und militante Untersuchung sind Bezugspunkte. Des weiteren will die Kampagne die Politik der offenen Briefe, die Versammlungen der Freundeskreise und das Tingeltangel ins Gespräch bringen.
documenta - eine Fabrik der Beziehungen?Anfang 1967 führte Potere Operaio unter dem Motto "Fiat ist unserer Universität" eine Untersuchung in der Turiner Automobilfabrik Mirafiori durch. Das verborgene und verschüttete Wissen der Massenarbeiter sollte sichtbar gemacht. Die Fabrik wurde nicht länger allein als Ort der Ausbeutung und des Kommandos, sondern auch als Ort der Bildung verstanden. Heute geht es um die documenta nicht nur als ein Ort der Bildung sondern auch als ein Ort der Prekarität.
Künstlerische Arbeitsverhältnisse sind zu einem Laboratorium geworden, in dem sich die gegenwärtige Veränderung von Arbeitsverhältnissen mit besonderer Deutlichkeit zeigt. So sind die Entgrenzung von Arbeit und Leben und die Verknüpfung von Selbstverwirklichung und Selbstverwertung grundlegend für künstlerische Arbeit im Besonderen und für Kultur- und Wissensproduktion im Allgemeinen. In abgeschwächter Form findet sich die Verknüpfung von Selbstverwirklichung und Selbstverwertung längst auch in anderen Wirtschaftsbereichen.
Bei der Auseinandersetzung mit künstlerischen Arbeitsverhältnissen steht jedoch nicht das reibungslose Funktionieren im Mittelpunkt. Von Bedeutung sind die Brüche und Risse, die Ausgangspunkt von Konflikten sein können. Zugleich finden sich im Arbeitsfeld der documenta mit den PraktikantInnen in der künstlerischen Leitung und den Beschäftigten aus dem Sicherheitsgewerbe auch andere Figuren prekärer Arbeit, die für ein Verständnis der gegenwärtigen Entwicklung von zentraler Bedeutung sind. Trotz großer Arbeitsbelastung reicht sowohl bei PraktikantInnen als auch bei Beschäftigten aus dem Niedriglohnbereich das Geld kaum zum Überleben.
Es geht nicht darum, den Kunstapparat auf das ökonomische Geflecht zu beschränken, sondern auch um eine Auseinandersetzung mit der künstlerischen Sphäre. Nicht zuletzt die Geschichte der Musealisierung der künstlerischen Avantgarde zeigt, dass es in der Kunst kein Außen mehr gibt. Widerstand kann sich nicht länger auf ein Außen stützen, sondern beginnt im Innern. Die Einverleibung von radikaler Kritik ist nicht gleichbedeutend mit dem Verlust des subversiven Potentials. Dies gilt gerade auch für die documenta X und die documenta XI, die durch die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und den Folgen der Globalisierung geprägt waren und politischer Aktivismus und soziale Netzwerke dort selbst Kunst wurden.
Während der documenta XII plant die “Mir-reicht’s - nicht-Kampagne” ein temporäres soziales Zentrum in Kassel, das zugleich Büro, Versammlungsort und Veranstaltungsraum sein soll. Im Mittelpunkt stehen Gespräche mit Beschäftigten, KünstlerInnen und BesucherInnen. Wie sehen sie sich selbst? Welche Bedeutung haben Praktikum und Volontariat? Wer arbeitet als KartenabreißerIn? Wie sehen die Arbeitsbedingungen der Securitys und Putzfrauen aus? Bedeutet das Bekenntnis zur Kapitalismuskritik des diesjährigen Kurators, Roger M. Buergels, dass es für die Beschäftigten der documenta einen Mindestlohn gibt? Wie sehen die gegenwärtigen Arbeitsverhältnisse von KünstlerInnen aus, die bei den letzten documenten eingeladen worden waren? Bietet das bedingungslose Grundeinkommen eine Perspektive für KulturproduzentInnen?
todo’sUnsere ersten Recherchen haben bereits interessante Hinweise ergeben. Nachdem es bei der letzten documenta Streit gab, um die Entlohnung der Guides, weil zu viele FreelancerInnen konkurrierten, ist für 2007 quasi ein Grundeinkommen garantiert. Die Praktika werden auf Mini-Job-Basis entlohnt. Zudem gibt es die Möglichkeit, sich diese fürs Studium anrechnen zu lassen. Für die Volontariate sind Leute mit Abschluss vorgesehen, die für ca. 800 Euro arbeiten. Finanziell ist die documenta im Vergleich zu kommerzielle(re)n Ausstellungen eher bescheiden ausgestattet. Nichtsdestotrotz sprechen wir von einem Budget in Höhe von ca. 20 Mio. Euro, das zur Hälfte durch staatliche Zuschüsse gewährleistet wird. Die andere Hälfte wird durch Sponsoring, Merchandise und Eintritt refinanziert.
Spannend bleibt der Umgang mit Informationen und Hierarchien bei der documenta selbst. Es gibt eine Geschäftsführung mit den wenigen Festangestellten. Die künstlerische Leitung sucht sich ihre MitarbeiterInnen aus und über zwei Jahre wächst das Team in exponentiellen Sprüngen. Am Anfang waren es sieben Personen, zehn Monate davor gab es 30 Angestellte und aktuell sind ca. 100 Leute am Start. Hinzu kommen noch die ausgelagerten Dienstleistungen.
Um die Menge an Wissen handhabbar zu machen und entsprechend der Wünsche und Anforderungen der Beteiligten zu organisieren, gibt es für die documenta XII eine interne Datenbank auf OpenSource-Basis. In der Regel kommt jede/r mit seinem Organizer oder Notizbuch zur documenta. Das “private” Wissen der MitarbeiterInnen, das auch ihren jeweiligen Marktwert definiert, wird jetzt für die weiteren Beteiligten zugänglich gemacht. Es ist also kein einzigartiges Wissen mehr, dafür kann jede/r das Wissen der anderen sehen und nutzen. Welchen Preis hat Vertrauen, wenn es um das große Geheimnis der ausstellenden KünstlerInnen und die Versuchung von Insidergeschäften am Kunstmarkt geht? In den Teams wird versucht, diese Konflikte möglichst offen und auf der Suche nach guten Lösungen zu handhaben.
Das systembedingte Primat der knappen Kassen stößt allerdings auch hier auf Grenzen. Aktuell fand ein Warnstreik der Aufbauer für Abend- und Wochenendzuschläge statt, dem ein Gegenangebot der documenta-Geschäftsführung in Form kostenloser Verpflegung an Sonntagen folgte.
Im Oktober 2003 stattete die Gesellschaft für Legalisierung dem ver.di - Bundeskongress einen Besuch ab. In diese Fußstapfen will die Kampagne "Mir reicht's - nicht!" in Leipzig treten. Einige haben das Organizing-Projekt Hamburg bei verdi sowohl politisch wie auch als Organizer unterstützt. Mit dieser Erfahrung werden zentrale Fragen in den Kooperationen von Gewerkschaften und sozialen Netzwerken akut.
Entprekarisierung ist in der aktuellen Gewerkschaftsdebatte ein Stichwort. Offen bleibt, wohin das führen soll? Auch bei ver.di finden Entlassungen statt, ein Thema, das nicht in der Öffentlichkeit ausgetragen wird. Ebenso wenig wie der Konflikt, um die betriebliche Altersvorsorge bei der Gewerkschaft. Der Mayday in Berlin bevorzugt den Begriff der “Solidarität” statt “Prekarität”. Ein Slogan, dem auch viele GewerkschafterInnen gerne zustimmen. Doch welcher solidarische Akt soll das sein? Der um einen Tarifvertrag oder Mindestlohn kämpfende Mann im Sicherheitsgewerbe, der bei der Umsonstfahrerin wegguckt? Der Mann, der statt der Ehefrau in Elternzeit geht und so spart, die arbeitssuchende, wahlweise noch papierlose Migrantin zu entlohnen? Wo liegt Solidarität zwischen niedrigbezahlten Selbstständigen und Angestellten - die Angestellte kommt vielleicht in den Genuss eines Mindestlohnes, während die Selbstständige in die Röhre guckt, weil es kein Grundeinkommen gibt, das unabhängig von der Erwerbsarbeit gewährt wird. Das bedingungslose Grundeinkommen ist für Gewerkschafter ein Angriff auf das Lohnabstandsgebot und den Arbeitsbegriff. Es stellt Lohnvereinbarungen in Frage, die Armut per Tarifvertrag bedeuten und nur noch der gewerkschaftlichen Repräsentanz in der Fläche dienen. Gern wird behauptet, dass Studiengebühren den Zugang zur Universität erschweren. Das Studium in Deutschland ist schon seit je her weniger klassendurchlässig als in diversen Ländern mit gebührenfinanzierten Hochschulen. Die Frage ist also: Welche Solidarität mit wem?
Die Bündnispolitiken der Linken wie der Massenorganisationen stehen in Frage, da sie auf der Repräsentation der großen gesellschaftlichen Gruppen - dem fordistischen Erbe - aufsetzen. Diese großen Gruppen fallen auseinander und wir erleben gesellschaftliche Neukonstituierungen. Allein rund um das Thema Grundeinkommen eröffnen sich Aussichten, die die Bündnislagen und linken Selbstgewissheiten des fordistischen Erbes erschüttern.
Im Mittelpunkt unserer Untersuchung hingegen steht die Frage nach den Gemeinsamkeiten, die Prekäre trotz aller Hierarchisierungen und Unterschiede miteinander verbinden. Es geht nicht um die Bestätigung dessen, was wir immer schon gewusst haben, sondern um die Entdeckung und Durchquerung der veränderten Kampfzonen. Prekärität steht nicht allein für Passivität und Vereinzelung, sondern ebenso für Konflikt und für die Produktion des Gemeinsamen.
2005 startete die EZLN in Mexiko die andere Kampagne. Als außerparlamentarische Mobilisierung versucht sie in einem mehrjährigen Prozess marginalisierte Gesellschaftssektoren zu vernetzen und mit dem kapitalistischen System “Schluss zu machen”. Kontinuierlich wird versucht, sich quer zu den gesellschaftlichen Hierarchien zu bewegen. Der Wunsch ist, dass Menschen zusammen kommen, die sich vorher kaum kannten und sich nun erstmals zuhören und in Beziehung setzen: Slum-BewohnerInnen, Indígenas, UmweltschützerInnen, SexarbeiterInnen, LehrerInnen, ArbeiterInnen, LandbesetzerInnen, Intellektuelle, Punks und Homosexuelle.
KritikerInnen des Euromayday sagen, dass die Sichtbarmachung gut, die Selbstorganisierung hingegen weniger gut gelingt. Gern wird nach den Grenzen der Selbstvertretung gefragt, wenn Menschen illegalisiert sind, oder aber diversen Ressourcenbeschränkungen unterliegen. Dabei sind doch gerade die illegalisierten BürgerInnen häufig gut organisiert, sonst würden sie hier weder ankommen noch überleben. Schließlich sind es nicht die Linken, die für 100.000e den Transit organisieren und die Arbeitsplätze, Wohnungen und Papiere besorgen. In den Umbrüchen der ehemals paternalistisch organisierten Sektoren wie Fabrik, Familie und Arbeits- oder Sozialamt werden ebenfalls im Abseits neue Freiräume und Überlebensstrategien austariert.
Da stellen sich andere Fragen: Was verspreche ich mir von der Selbstorganisierung des Politischen? Hilft es mir weiter bei Jobsuche oder Mietkampf, eröffnet es mir neue Kontakte oder Freundeskreise?
Mögliche Rezepte, die "Mir reicht's - nicht!" derzeit testen und zum Nachkochen empfehlen, sind die Politik der offenen Briefe, die Versammlungen der Freundeskreise und das Tingeltangel.
Offene Briefe kann jede/r schreiben und die Frage ist, wie können solche Briefe eine öffentliche Wirkung entfalten. In manchen Anti-Abschiebe-Kampagnen von SchülerInnen für ihre MitschülerInnen entfachen sie oft eine ungeahnte Wirkung und Mobilisierung. Denn hinter den plakativen Slogans verschwindet häufig die konkrete Kritik, die eine eigene Vorstellung von Veränderung beinhaltet. Was wir stark machen wollen, ist das konkrete Wissen um die prekären Situation und die Strategien, sich darin zu bewegen.
Versammlungen der Freundeskreise sind die Treffen, bei denen die wichtigen Dinge des Alltags angesprochen werden. Dabei geht es um die gegenseitigen Hilfen und das Rat-Suchen, das bei den Tagesordnungen der politischen Termine unter den Tisch fällt oder als private Sorge bzw. individuelles Problem abgetan wird. Hier zeigt sich, wie alltäglich soziale Netzwerke sind, die all zu selten für sich einen politischen Ausdruck finden und noch nach ihrer Stellung im öffentlichen Leben suchen.
TingelTangel steht für den Parkour precaire. Eine andere Art sich durch die Umgebung zu bewegen. TingelTangel bietet eine Bühne für die verschiedenen Charaktere und Lebensrealitäten in der Prekarität mit ihren unterschiedlichen Selbstdarstellungen. Diese Revue soll durch die Stadt tingeln, Einladungen aussprechen und unterhalten, um Präsenz, Sichtbarkeit und Diskussion über den Alltag in der Prekariät zu entfalten. Anfang Juni wird es in der Theaterfabrik Kampnagel in Hamburg einen Workshop geben, um einen Parkour precaire als Bühnenversion hervorzubringen. Ein Parkour durch und für die gefährlichen urbanen Lebenslagen, bei der die Traceure (französisch: "der den Weg ebnet") unter Überwindung sämtlicher Hindernisse zu ihren Zielen kommen.
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