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Projekt-Skizze zur Kampagne "Mir reicht's... nicht!"

Projekt-Skizze zur Kampagne "Mir reicht's... nicht!"

Euromayday 2005 in Hamburg - Wir wollen realistisch sein. In Hamburg ist Euromayday ein bescheidener Anfang, die unsicheren und verborgenen Geschichten vom Leben mit, ohne und abseits der Arbeit ins öffentliche Licht zu bringen. Geschichten von Menschen, die von keiner Gewerkschaft vertreten werden und unter hohem persönlichem Einsatz ihr Leben organisieren. Ob hoch oder niedrig qualifiziert, Ausbildungen oder keine, wir arbeiten in x Jobs. Mobilität und Zeitmanagement sind unser Kapital. Produktionsmittel? Kein Problem – vom Wischmop bis zum PC. Wir sprechen deutsch, türkisch, spanisch, polnisch und was so kommt. Viele haben einen unsicheren Aufenthaltsstatus. Ungewissheit dominiert den flexiblen Alltag von LagerarbeiterInnen, Servicekräften, IT-ExpertInnen, Alleinerziehenden, SexarbeiterInnen, Ich-AGs und StudentInnen." Am 1. Mai 2005 schlossen sich mehrere tausend Menschen diesem Aufruf an. Für wenige Stunden wurde die Unsichtbarkeit prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse durchbrochen und die Kluft zwischen der zunehmenden Ausbreitung der Prekarität und der weitgehenden Abwesenheit dieser Erfahrungen in der Öffentlichkeit geschlossen. Weniger als zwei Jahre später hat sich diese Situation scheinbar grundlegend geändert. Spätestens seit der Studie "Gesellschaft im Reformprozess", die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben wurden, werden prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. "Generation Praktikum" und "abgehängtes Prekariat" sind in aller Munde. Zugleich gibt es jedoch auch deutliche Kontinuitäten. Die aufgeregte Debatte um die "neue Unterschicht" bringt neue Formen der Unsichtbarkeit hervor. Die exklusive Debatte der Experten verdoppelt das Schweigen der Prekären. Anstatt neue Perspektiven zu entwickeln und das Gemeinsame von Praktikanten und Erwerblosen, von Freelancerinnen und Putzfrauen zur Sprache zu bringen, werden bestehende Fragmentierungen wiederholt. Zugleich verschwinden hinter dem Bild der passiven und fürsorgebedürftigen Unterschicht alltägliche Widerstände und Konflikte. Die Begriffe ändern sich, die Ignoranz bleibt. An diesem Punkt setzt die Kampagne "Mir reicht’s... nicht!" an. Es geht uns darum deutlich zu machen das Prekärität für uns nicht allein für Passivität und Vereinzelung, sondern auch Konflikt und für die Produktion des Gemeinsamen steht. Das erste Interventionsfeld dieser Kampagne ist dabei die documenta 12.

Die Documenta ist unsere Fabrik

Anfang 1967 führte Potere Operaio unter dem Motto "Fiat ist unserer Universität" eine Untersuchung in der Turiner Automobilfabrik Mirafiori durch. Das verborgene und verschütte Wissen der Massenarbeiter sollte sichtbar gemacht. Die Fabrik wurde nicht länger allein als Ort der Ausbeutung und des Kommandos, sondern auch als Ort der Bildung verstanden. Heute geht es uns darum zu zeigen, dass die Documenta nicht nur ein Ort der Bildung sondern auch ein Ort der Prekarität ist. Uns geht es darum das ökonomische Geflecht sichtbar zu machen, dass die künstlerische Sphäre trägt.
Der mit der Entstehung von Global Playern wie dem Guggenheim Museum, der Spekulation auf dem Kunstmarkt und dem Kultursponsoring einhergehende Aufstieg der "Visual Industry" (Isabelle Graw) ist dabei nur eine Seite der gegenwärtigen Entwicklung. Dem Ökonomisch-Werden des Kulturellen steht das Kulturell-Werden des Ökonomischen gegenüber. Künstlerische Arbeitsverhältnisse sind zu einem Laboratorium geworden, in dem sich die gegenwärtige Veränderung von Arbeitsverhältnissen mit besonderer Deutlichkeit zeigt. So sind die Entgrenzung von Arbeit und Leben und die Verknüpfung von Selbstverwirklichung und Selbstverwertung grundlegend für künstlerische Arbeit im Besonderen und für Kultur- und Wissensproduktion im Allgemeinen. Auf diesen Zusammenhang verweist nicht zuletzt die Rede von der "digitalen Boheme"(Friebe/Lobo). In abgeschwächter Form findet sich die Verknüpfung von Selbstverwirklichung und Selbstverwertung längst auch in anderen Wirtschaftsbereichen. Dies zeigt sich vor allem in der zunehmenden Bedeutung von Team- und Gruppenarbeit, der Führung durch Zielvereinbarungen, den hochflexiblen Arbeitszeiten, den neuen Formen der Heimarbeit und der Vergabe von Aufträgen an Scheinselbstständige. Nur vor dem Hintergrund dieser Entwicklung war ein Film wie "Rythm is it" möglich, in dem ein Choreograph gemeinsam mit Hauptschülern ein Tanztheaterstück probte und vor großem Publikum aufführte. Nicht zufällig war die Herstellung von Arbeitsmoral eines der zentralen Themen des Filmes. Bei der Auseinandersetzung mit künstlerischen Arbeitsverhältnissen steht für uns jedoch nicht das reibungslose Funktionieren im Mittelpunkt. Uns interessieren vor allem die Brüche und Risse, die Ausgangspunkt von Konflikten sein können. Zugleich finden sich im Raum der Documenta mit den Praktikanten in der künstlerischen Leitung, und den Beschäftigten aus dem Sicherheitsgewerbe auch andere Figuren prekärer Arbeit, die für ein Verständnis der gegenwärtigen Entwicklung von zentraler Bedeutung sind. Im Mittelpunkt unserer Untersuchung steht dabei die Frage nach dem Gemeinsamen, das die Prekären trotz aller Hierarchisierungen und Unterschiede miteinander verbindet.
Zugleich geht es uns nicht darum, den Kunstapparat auf das ökonomische Geflecht zu beschränken, sondern auch um eine Auseinadersetzung mit der künstlerischen Sphäre. Nicht zuletzt die Geschichte der Musealisierung der künstlerischen Avantgarde zeigt, dass es in der Kunst kein Außen mehr gibt. Hier zeigt sich in zugespitzter Form eine der grundlegenden Tendenzen der Gegenwart. Widerstand kann sich nicht länger auf ein Außen stützen, sondern muss im Innern ansetzen. Die Einverleibung von radikaler Kritik ist nicht gleichbedeutend mit dem Verlust des subversiven Potentials. Dies gilt gerade auch für die Documenta X und die Documenta 11, die durch die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen und den Folgen der Globalisierung geprägt waren. In diesem Sinne geht es uns auch darum, die kritischen Potentiale der gegenwärtigen Kunst und der Documenta 12 mit politischem Aktivismus und sozialen Bewegungen kurzzuschließen.

Recherche, Diskussion, Konflikt

Mit der Kampagne "Mir reicht’s – nicht!” haben wir uns zum Ziel gesetzt im Innern der Documenta die Auseinandersetzung mit prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen zu eröffnen. Ausgangspunkt ist die Untersuchung der (prekären) Arbeitsverhältnisse, die die Grundlage des ökonomischen Geflechts der Documenta bilden. Dabei werden wir auf künstlerische, theoretische und gewerkschaftliche Werkzeuge zurückgreifen. Organizing, Institutionskritik, Kartographie und militante Untersuchung sind dabei unsere Bezugspunkte. Im Mittelpunkt stehen für uns Gespräche mit Beschäftigten und Künstlern. Uns geht es nicht um die Bestätigung dessen, was wir immer schon gewusst haben, sondern um die Entdeckung von neuen Konfliktfeldern: Welche Bedeutung haben Praktikum und Volontariat? Wer arbeitet als KartenabreißerIn? Wie sehen die Arbeitsbedingungen der Securitys und Putzfrauen aus? Bedeutet Roger M. Buergels Bekenntnis zur Kapitalismuskritik, dass es für die Beschäftigten der Documenta einen Mindestlohn gibt? Was ist mit den KünstlerInnen die sich vergeblich bei der Documenta bewerben? Wie sehen die gegenwärtigen Arbeitsverhältnisse von KünstlerInnen aus, die bei der letzten Documenta eingeladen worden waren? Bietet das bedingungslose Grundeinkommen eine Perspektive für KulturproduzentInnen?
Während der Documenta 12 soll es ein temporäres soziales Zentrum in Kassel eröffnet werden, das zugleich Büro, Versammlungsort und Veranstaltungsraum sein soll. Geplant ist ein Blog in dem Beschäftigte und Künstler über ihre Arbeitsverhältnisse diskutieren können. Neben der Recherche geht es darum einen Raum für Diskussionen zu öffnen (z.B. mit Veranstaltungen mit Sergio Bologna, Marion von Osten, Isabelle Graw, Klaus Ronneberger, Paolo Virno). Die Ergebnisse dieser Recherchen und Diskussionen sollen im Anschluss an die Documenta veröffentlicht werden (z.B. als Buch, Film, Karte). Zugleich ist es jedoch Ziel der Recherchen und Diskussionen, im Innern der Documenta Konfliktlinien ausfindig zu machen, die Ausgangspunkt für den (exemplarischen) Kampf gegen prekäre Arbeitsbedingungen sein können.

precarity webring