Er hat dicke Ringe unter den Augen an diesem eisigen Mittwoch Nachmittag vor dem Bürogebäude der Internationalen Filmfestspiele Berlin. Viel zu tun habe er gerade, immerhin beginne jetzt die heiße Phase der Berlinalevorbereitungen. Die Rede ist von Wolfgang Janßen, seines Zeichens Administration Manager in der Festspielleitung – sowas wie der Personalchef der Berlinale. Wer wir denn seien, will er wissen, und was es mit dem prekären Glücksrad auf sich habe.
Eine Praktikantin in der Presseabteilung dreht am Rad. „Was würdest Du tun, wenn Du Dieter Kosslick, der Chef der Berlinale, wärst?“ „Ich würde die ganzen Praktikastellen bei der Berlinale in vernünftige Jobs umwandeln. Sowas wie studentische Hilfskraftstellen oder so. Mein Job ist ja ganz spannend, aber eine Freundin arbeitet hier auch als Praktikantin – Vollzeit, ganz normale, langweilige Verwaltungssachen. Und zumindest für sowas müsste man auch richtig bezahlt werden.“ Sie dreht noch einmal am Glücksrad. Es bleibt auf einem Hauptgewinnfeld stehen. „Und was habe ich jetzt gewonnen?“ Zur Auswahl steht eine Augenfalten-Creme von Dr. Hauschka mit Anti-Stress-Effekt, T-Shirts des Euromayday, ein paar Bücher. Am Ende entscheidet sie sich für eine DVD mit globalen Streifzügen durch prekäre Alltage.
Die Website unserer Kampagne „Mir reicht's... nicht“ hat sich Janßen angesehen. Alle Angestellten würden nach Tarif bezahlt, wenn auch in den meisten Fällen natürlich nur befristet für ein bis drei Monate. Ja, und das mit den PraktikantInnen, das ginge eben nicht anders. An Kooperation sei ihm gelegen. Nein, und Glücksrad spielen wolle er nicht. Die heiße Phase eben.
Auf der anderen Straßenseite im Sony-Center ist das Cinestar. 5,50 € die Stunde bekommen die Angestellten. Selbst Toilettenpausen müssen organisiert und mit den KollegInnen abgesprochen werden. Die Kartenabreißerin hält inne. „Da kommt einer der Chefs. Warte mal kurz.“ Sie erklärt: „Der Chef will nicht, dass wir über unsere Arbeitsbedingungen reden. Auch wenn es nicht viel ist, brauche ich das Geld von dem Job hier. Wir haben hier alle keine richtigen Verträge und wenn du Stress mit dem Chef hast, wirst Du einfach nicht mehr für Schichten eingeteilt und bist raus.“ Moritz ist im Betriebsrat bei Cinemaxx. Er führt uns danach weiter durch die Hochhausschluchten am Potsdamer Platz, das Herz der Berlinale. Das Filmlager in der Voxstraße, das Cinemaxx neben dem Cinestar, eine andere große Spielstätte der Berlinale 08 und natürlich der Berlinale-Palast, wo ab dem 7. Februar der rote Teppich ausgerollt wird und Berlin sich im auf die Stars und Sternchen hereinprasselnden Blitzlichtgewitter als weltoffener und aufregender Kulturschauplatz inszeniert. Arm, aber sexy eben.
Und dann... dann gibt es natürlich noch die unzähligen FilmemacherInnen. Viele mit guten Filmen, viele jung, manche mit politischem, viele mit künstlerischem Anspruch und noch mehr ganz schön dolle prekär. Von einem Projekt zum anderen, Klinken putzen, Netzwerke knüpfen, Anträge schreiben, Organisationstalent sein müssen, noch besser Multitalent, was zu sagen haben, was rüber bringen und bei all dem Stress am besten noch klar kommen. Mal reicht die Kohle, mal flattern Föderungszusagen nur so in den Breifkasten, es gibt Props von überall und dann... dann ist wieder Ebbe, Durststrecke, kein Geld für die Monatskarte und bloß nicht erwischen lassen in der U-Bahn und all sowas. Und dann... dann kommt einmal im Jahr die Berlinale. Ob akkreditiert oder, noch besser, sogar im offiziellen Programm. Sehen und gesehen werden, drei Minuten berühmt sein, bei arte zum Beispiel, und für manche, ganz wenige: der Durchbruch.
Ganz schön unterschiedliche Plots und Geschichten. Unterschiedlichste Lebensrealitäten und Subjektpositionen. Ganz schön viel Tristesse, Glamour und Unsichtbarkeit.
In Frankreich hat es vor einigen Jahren schon mal gefunkt. Gemeinsam legten 2003 Licht- und TontechnikerInnen, BühnenbildnerInnen, SchauspielerInnen, Theater- und FilmemacherInnen einen Festivalsommer lahm und vereitelten so letztlich erfolgreich einen Angriff der Regierung Chirac auf die Sozialversicherungsansprüche von KulturarbeiterInnen. Und: die Artikulationen und Forderungen blieben nicht im Partikularen des Kulturbereichs stecken. Im Slogan „Was wir verteidigen, verteidigen wir für alle“ drückt sich der fundamentale Anspruch der „intermittents du spectacle“ nach einem garantierten, ein würdevolles Leben ermöglichenden Einkommen auch bei radikal diskontinuierlichen Erwerbsverläufen nicht nur im Kulturbereich aus.
Davon, sich wie die intermittents in Frankreich als handlungsfähiges politisches Subjekt zu artikulieren und zu kämpfen, sind die KulturarbeiterInnen in Deutschland weit entfernt. Die KulturarbeiterInnen in Frankreich haben sich auf eine Reise begeben, bei der die Fragen im Zentrum stehen, wie aus den mannigfaltigen Ich's bei aller Differenz ein Wir werden kann und wie dieses immer kontingente und potentiell ausschließende Wir mit dem gesellschaftlichen Alle zum schwingen und tanzen gebracht werden kann.
Mit ähnlichen Fragen hat sich auch der Euromayday als Bewegung der Prekären am 1.Mai 2001 in Mailand auf eine Reise begeben. Dieser Suchprozess hat ausgestrahlt: Barcelona, Ljubljana, Wien, Kopenhagen, Thessaloniki... auch in Hamburg und Berlin ist die Bewegung mittlerweile angekommen. Auf der Suche nach Antworten auf diese drängenden Fragen, auf der Reise ist die Bewegung immer noch.
Stellt Euch vor: vielleicht noch nicht bei der Berlinale 08 aber dann 2009: das prekäre Bodenpersonal, Laptop und Wischmop, die PraktikantInnen, die Caterer, die FilmvorführerInnen, die KartenabreißerInnen und die FilmemacherInnen streiken, die prekäre Wirklichkeit unter dem roten Teppich tritt machtvoll zu Tage, Kosslick und Janßen drehen am Rad – die heiße Phase eben...
Max Bitzer
(aktiv bei „Mir reicht's... nicht“, bei FelS – Für eine linke Strömung und im Euromayday)
Dieser Text wird veröffentlicht in der kommenden Ausgabe der Arranca-Extra.