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Auswahl von Zitaten aus Interviews mit documenta-Beschäftigten

Auswahl von Zitaten aus Interviews mit documenta-Beschäftigten

Wir haben in Kassel ca. 40 Gespräche mit Beschäftigten aus verschiedensten Bereichen der documenta12 geführt. Als Ausgangspunkt für eine anschließende gemeinsame Diskussion auf den Veranstaltungen ('Öffentliches Redigieren 1 bis 5') haben wir Zitate aus den Gesprächen ausgewählt und unter sechs Überschriften zusammengefasst:

Versprechen

"Ich fühle mich als Teil des Weltmachens, wie es in dem ersten Flyer steht."
(Beirat)

"Mir ging's nicht ums Geldverdienen, mich hat das Konzept der documenta begeistert. Für mich ist das eine Ausbildung, die ungleich wertvoller ist als mein Studium."
(Vermittlerin)

"Ich lebe nicht mit der Illusion, dass ich jetzt ein gemachter Künstler bin. Das ist nur noch der Mythos, von dem die documenta in den 60er und 70er Jahren gelebt hat."
(Künstler)

"Mein Job interessiert mich nicht. Ich arbeite hier, weil mein Bafög immer weniger wird."
(Sparkassen-ipod-Vergabe)

"In prekären Arbeitsverhältnissen findet das System eine Kompensation für diese Situation und das ist das symbolische Kapital. In diesem Fall ist es ziemlich hoch, weil die documenta eine große Institution ist, die viele Möglichkeiten für die Zukunft anbietet."
(Magazine)

"Ich habe einen Drei-Monats-Vertrag für die documenta. Vielleicht wird mein Vertrag ja verlängert."
(Putzfrau)

"Einige Volontäre sind in eine Festanstellung aufgestiegen. Es gibt reale Chancen auf Erfolgserlebnisse."
(Praktikant)

"Als freie Mitarbeiterin gibt es eine große Abhängigkeit von den Arbeitgebern. Sie machen unglaublich viele Versprechen, wenn sie gerade etwas von einem wollen."
(Vermittlerin)

"Viele Leute sind nicht sehr erfahren. Sie denken, dass sie jedem einen Gefallen tun und den ganzen Tag lang arbeiten müssen, weil sie bei der documenta dabei sind."
(Magazines)

"Das läuft nach dem olympischen Prinzip: dabei sein ist alles."
(Beirat)

Erschöpfung

"David Goldblatts Fotografien zeigen südafrikanische Arbeiter, die während der vierstündigen Busfahrt zu ihrem Arbeitsplatz schlafen. Wenn wir davor stehen, sagen viele: So was gibt es hier nicht. Ich denke dann: Wenn man prekär ist, gibt es das schon."
(Vermittlerin)

"Der Job ist langweilig und anstrengend, obwohl man nicht wirklich was macht."
(Garderobe)

"Alle sind extrem motiviert und wollen total gerne total viel arbeiten. Ich bin definitiv nicht prekarisiert."
(Praktikant)

"Ich glaube, warum das so läuft, hängt mit diesem Festival-Charakter zusammen. Es rockt einfach 100 Tage durch und wir rocken alle mit. Diese 100 Tage lang ist das Leben documenta und das ist es."
(Vermittlerin)

"Ich war relativ stark motiviert und hatte die ganze Zeit gar nicht das Gefühl, überfordert zu sein. Irgendwann hat mein Körper dann gesagt: Ey komm, du brauchst mal Ruhe."
(Vermittlerin)

"Ich hätte gerne ne Situation, in der man nicht so'n schlechtes Gewissen hat, wenn man mal nicht kann."
(Vermittlerin)

"Meine Job-Probleme müssen meine Freunde und meine Familie auffangen. Das ist total belastend für alle."
(Vermittlerin)

"Ich will weiter so arbeiten, weil es mir Spaß macht. Ich kann entscheiden, wann und wo ich arbeite. Aber will ich das in 15 Jahren auch machen? Habe ich die Kraft, jede Woche neu zu lesen, wo ich mich weiter bewerben kann?"
(Vermittlerin)

Geld

"Wir geben eigentlich schon seit Februar Geld dafür aus, hier teilzuhaben an diesem Projekt, verdienen aber erst ab dem 20. Juni." (Vermittlerin)

"Wenn ich für dieses kleine Projekt arbeite, werden die Leute verstehen, wenn man sie in letzter Minute einlädt ... Aber wenn es diese große Institution gibt, die Tonnen an Geld hat ... Ich kann wirklich verstehen, wenn die Leute angepisst sind, wenn man ihnen sagt, dass wir kein Geld haben oder keine Zeit haben, was auch immer. Was in kleinen Projekten sehr persönlich und entspannt sein kann, wird hier rücksichtslos und unverantwortlich."
(Magazines)

"Ich habe das auch unserem Chef gesagt, dass ich ab nächstem Semester Studiengebühren bezahlen muss, und ich dann auch noch leben muss, und dass ich nicht weiter für 400 Euro dieses Praktikum machen möchte. Ich war einfach fertig mit der Welt."
(Praktikantin)

"Ich weiß, was ich gerne tun will, aber diese Pläne sind nicht mit einem finanziellen Einkommen verbunden, und das ist das Problem."
(Vermittlerin)

"Manche arbeiten monatelang umsonst, in der Hoffnung auf einen Halbjahresvertrag."
(Vermittlerin)

"Um zu verhindern, dass ich stempeln gehe, muss ich ständig einen Kompromiss eingehen zwischen dem was ich gerne tun will und dem wie ich an Kohle rankomme."
(Presse)

"Manchmal wird mir von Freunden vorgeworfen, dass mir meine Karriere sowieso viel wichtiger ist. Aber die verstehen das nicht. Ich habe keine Karriere, ich habe nur Jobs. Ich muss nur irgendwie an Geld rankommen und das ist für mich hart."
(Vermittlerin)

"Um zu leben, braucht man Geld, und Geld bekommt man, indem man arbeitet."
(Security)

Leben

"Person und Position gehen in eins, du bist der Arbeitsbereich, du kreierst ihn."
(Assistentin)

"Essen zu gehen, ist im Kunstbereich Arbeit."
(Magazines)

"Die haben einem Essen gegeben, damit man bei der Stange gehalten wird und dann abends bis zehn, elf, zwölf dann noch fleißig sitzt und am Wochenende Samstag, Sonntag auch."
(Praktikantin)

"Viele Praktikanten kommen nicht aus Kassel. Die haben hier keine Beziehung, keine Freunde. Das wird als Vorteil angesehen."
(Praktikant)

"Wenn man Projekte machen will, die man toll findet, muss man flexibel sein. Man muss soziale Strukturen zurücklassen und neue wieder aufbauen und die wieder zurücklassen ..."
(Vermittlerin)

"Mein Freund und ich: Wir sind immer an den falschen Orten."
(Vermittlerin)

"Die Leute sind übersolidarisch, überidentifiziert mit der ganzen Sache."
(Kommunikation)

"Es ist dieses komplette Durcheinander zwischen deinem Privatleben und deinem Berufsleben, das dich dazu bringt umsonst zu arbeiten."
(Magazines)

"Das war eigentlich auch Arbeit, die Leute von den unterschiedlichen documenta-Strukturen zusammen zu bringen. Es brachte aber auch eine soziale Situation mit sich. Wir sind dann auch zusammen zu einer Party gegangen, aber die Party war auch von uns organisiert."
(Magazines)

"Wenn ich auf ein Konzert gehe, schaue ich ständig danach, wie etwas für mich ökonomisch verwertbar ist. Das zieht sich bis in die kleinsten Lebensbereiche und das ist frustrierend."
(Presse)

"Morgens stehe ich auf und habe von der documenta geträumt."
(Vermittlerin)

Zeit

"Weil ich die Gesamtverantwortung trage, gibt es eigentlich keine Pause."
(Buchhandlung)

"Dann kam dann halt der Anruf, komm sofort, am besten morgen. Ich so: nee, morgen geht nicht, aber nächste Woche. Und dann bin ich völlig überstürzt angereist. Ich hatte zwar schon damit gerechnet, aber erst 2 Wochen später."
(Koordination)

"Man braucht generell mehr Zeit, um zu reflektieren, wo hat es gut funktioniert, wo hat es nicht gut funktioniert. Dafür fehlt die Zeit"
(Vermittlerin)

"Wir haben kaum Zeit und Energie, um zu experimentieren. Damit Vermittlung kunsthaft wird, braucht es gute Bedingungen."
(Vermittlerin)

"Ich habe einen Ausweis für die documenta, hatte aber noch keine Zeit, mir die Ausstellung anzugucken."
(Buchhandlung)

"Jeder muss anwesend sein. Es gibt diese symbolische Anforderung. Dabei hat die Hingabe an das Projekt nicht immer eine klare Funktion oder einen eindeutigen Grund."
(Magazines)

"Im Moment gehe ich um 9 aus dem Haus und wenn ich um 10 oder 11 heimkomme, dann war ich zwar vielleicht irgendwie Biertrinken, aber es gehört natürlich zur Arbeit dazu."
(Assistentin)

"Zwei mal fünf Minuten Pause reichen nicht für Essen, Trinken und aufs Klo gehen."
(Aufsicht)

"Zu viel Scheiße, zu viel Arbeit, zu wenig Zeit."
(Putzfrau)

Konflikt

"Ich rede nicht über meine Arbeitsbedingungen. Ich will noch mal für Leifeld arbeiten."
(Vermittlerin)

"Auf der documanta10 haben wir versucht, uns für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Unser damaliger Leiter hat zu uns gesagt: Hier ist der Stapel Briefe von Leuten die euren Job umsonst machen wollen. Also hört auf mit der Gewerkschaftsmentalität."
(Wissenschaftliche Begleitung)

"Du bist ersetzbar."
(Praktikant)

"Du machst zehn Sachen schlecht anstatt zwei oder drei richtig."
(Magazines)

"Wie beknackt ist das, dass es immer um das Sofort-Zeithaben geht."
(Kommunikation)

"Die Arbeitsstrukturen auf der documenta12 sind meiner Meinung nach katastrophal. Es gibt viel zu wenig Organisationsstruktur, es gibt viel zu wenig klare Aufteilung von Aufgaben und es gibt viel zu wenig Leute für viel zu viel Arbeit."
(Wissenschaftliche Begleitung)

"Es gibt auch ganz viele Vermutungen und Vorbehalte zwischen den Abteilungen: Die kriegen sowieso das Geld hinterher geworfen, die verdienen doch sowieso am meisten usw. Das finde ich gefährlich."
(Assistentin)

"Die Einkommensgarantie klingt toll, aber ich vermute, dass das Besucherbüro versucht, das Geld wieder rein zu bringen und uns deshalb mit Führungen zuknallt. Organisatorisch gibt mein Plan das her, aber menschlich?"
(Vermittlerin)

"An dem Tag, an dem ich nicht arbeite, verdiene ich nicht nur kein Geld, sondern ich verliere auch den Anschluss an irgendetwas. Wenn mir dieser Druck genommen werden würde, dann wäre schon viel geholfen."
(Presse)

"Ich habe versucht, mir meine Arbeitswelt nach meinen Ideen zu formen und damit bin ich zu einem gewissen Grad gescheitert."
(Presse)

Strategie

"Ich denke, dass es immer irgendwie klappt"
(Vermittlerin)

"Wenn's passt, dann nehme ich mir zwei, drei Tage frei. Da setzte ich dann die Praktikantin ein."
(Magazines)

"Ich hab mich krank gemeldet. Ich hab jetzt halt so rebelliert, dass ich mich einfach dem entzogen hab. Ich bin niemand, der das so klar artikuliert. Ich such da mein Hintertürchen."
(Praktikantin)

"Ich bin nicht gebunden an einzelne Institutionen. Ich kann gehen, wenn Dinge lästig werden, bin unabhängig."
(Vermittlerin)

"Wenn du dein persönliches Leben aufwertest, dann merkst du plötzlich, was du verpasst. Wir haben zusammen mit unseren alten Nachbarn gegrillt und zu traditionneller Musik getanzt. Es hat mir überhaupt keinen beruflichen Vorteil gebracht. Es war für mich, meinen Freund, meine Straße, meine Lebensbedingungen."
(Magazines)

"Der Superwunsch wäre, dass die Vermittlung für die Besucher gratis wäre und man sich einfach der Kommunikation mit Leuten, die in diese Ausstellung kommen, widmen könnte."
(Vermittlerin)

"Ich würde gerne an einem Ort bleiben können und eine Arbeit haben, die auch immer wieder neu sein kann."
(Vermittlerin)

"Es ist schwierig, Arbeitsverhältnisse zu politisieren, die man sich selber geschaffen hat."
(Buchhandlung)

"Wir konnten die Macht nicht lokalisieren. Wir wussten nicht, wen wir mit unseren Forderungen konfrontieren sollten. Wo ist der Klassenfeind."
(Magazines)

"Ich würde überlegen, welche Gesellschaft ich möchte, und dann würde ich sagen, was das für die Arbeitsweise in der Kulturproduktion bedeuten würde."
(Magazines)

"Wenn der Salon dazu führen würde, dass wir uns in lokalen Politiken im Bereich Prekariat, Arbeitslosigkeit einmischen können, wenn wir 30 Leute, und wenn wir den Salon weiter führen könnten, in eigenen Räumen und unterschiedlichen Milieus ..."
(Beirat)

"Die Frage heute ist, gibt es eine Verbindung zwischen sozialer Sicherheit und Freiheit, auch Freiheit von Arbeit."
(Beirat)

"Man muss sich was ausdenken heutzutage, irgendwie. Ich weiß nicht, wie andere das machen."
(Vermittlerin)

precarity webring