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Berliner Zeitung: Zu viel Scheiße, zu wenig Geld

Berliner Zeitung: Zu viel Scheiße, zu wenig Geld

Der Raum ist in warmes Rotlicht getaucht, Menschen in Cocktailkleidern und Anzügen drängen sich am üppigen Buffet. Es ist eine ungewohnt glamouröse Stimmung für einen Abend, der den unglamourösen Alltag von Beschäftigten der Berlinale thematisieren soll. Freie Filmschaffende, Filmvorführer, Kartenabreißer und Reinigungskräfte arbeiten hier oft zu Bedingungen, die ein Leben unterhalb der Armutsgrenze bedeuten. Ihre Perspektiven zu porträtieren, war das Anliegen der "Gala der prekären Perspektiven", die am Samstag in der Volksbühne stattfand.

Winziger Lichtblick

"Wir wollen die Aufmerksamkeit des Festivals nutzen, um die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen von KulturarbeiterInnen ins Scheinwerferlicht zu rücken", sagt Max Bitzer, einer der Moderatoren des Abends und Mitglied der Kampagne "Mir reicht's ... nicht". Die Berlinale könne zwar "fast als Lichtblick" in der gegenwärtigen Praktikumslandschaft gelten, da Praktikanten hier immerhin 400 Euro verdienten. Um sich das Praktikum leisten zu können, müssten aber viele zusätzliche Jobs annehmen.

Das Programm der Gala zeigte, dass es auch neben dem geringen Lohn mit den Arbeitsbedingungen bei der Berlinale keinesfalls zum Besten bestellt ist. Die Schauspielerin Inga Busch (bekannt aus Stücken von René Pollesch) sowie Fabian Busch, Katja Ammer und Camille Holweger lasen aus Interviews vor, die die Kampagnen-Macher mit Beschäftigten der Dokumenta 21 und der Berlinale geführt hatten. Ein sehr gelungener Film der Gruppe AK Kraak, gedreht vor wenigen Tagen auf der Berlinale, verdichtete dieses Bild.

Auffällig war, dass die Beschäftigten die eigene Lage extrem unterschiedlich einschätzen. So sagte ein Praktikant: "Alle sind extrem motiviert und wollen total gerne total viel arbeiten. Ich bin definitiv nicht prekarisiert." Eine Reinigungskraft bewertete ihre Situation eindeutig anders: "Zu viel Scheiße, zu viel Arbeit, zu wenig Geld." Die Grenze zur Freizeit tauchte als Problem immer wieder auf: "Am Ende ist alles Arbeit. Am Ende ist kein Leben mehr da." Dabei wurde deutlich, dass viele die schlechten Arbeitsbedingungen hinnehmen, weil sie sich dadurch bessere Chancen versprechen. So sagte eine Vermittlerin: "Manche arbeiten monatelang umsonst, in der Hoffnung auf einen Halbjahresvertrag."

Absurder Alltag

An René Polleschs Inszenierungen erinnerte, dass die Menschen ihrer Arbeit im Kunstbetrieb immer wieder etwas Positives abzugewinnen versuchten - Stichwort: Selbstverwirklichung - um immer wieder festzustellen, dass doch nicht alles gut ist. So sagte eine Studentin, die als Kartenabreißerin am Potsdamer Platz arbeitet, dass ihre Arbeit ein Gleichgewicht zur Universität darstelle. Obwohl, fuhr sie fort, sie müsse neben dem Kartenabreißen auch den Müll rausbringen. Und: Sie müsse noch einen zweiten Job annehmen, um über die Runden zu kommen. Vorlesungen versäume sie deshalb auch.

Irritierend war, dass die Zitate für viel Gelächter bei Schauspielern und Publikum sorgten, sind doch viele in ähnlichen Verhältnissen beschäftigt. Wahrscheinlich wird erst auf der Bühne die Absurdität dieses Alltags deutlich, in dem ohne Lohn gearbeitet wird, in der Hoffnung darauf, irgendwann für alle Mühen entlohnt zu werden.

Schade war lediglich, dass die Kampagne an diesem Abend kaum eigene politische Forderungen oder Strategien zur Diskussion stellte. So blieb unklar, wie die unterschiedlichen und sich teils widersprechenden Selbsteinschätzungen der Beschäftigten zusammengebracht und zu einer politischen Praxis entwickelt werden könnten. Als Kontrapunkt zum derzeitigen Glamour-Rausch der Berlinale war die Gala jedoch mehr als notwendig.

Ellen Wesemüller

Erschienen in der Berliner Zeitung vom 11.02.2008 und in der Internet-Ausgabe.

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